Stell dir vor, du sitzt in einer verrauchten, schummrigen Taverne in Novigrad. Der Regen peitscht gegen die Fenster, das Bier ist schal, aber am Nachbartisch herrscht ohrenbetäubende Stille. Zwei Kontrahenten starren sich in die Augen, während zwischen ihnen die Schicksale ganzer Königreiche auf dem Tisch liegen – in Form von kunstvoll bedruckten Karten.
Was bisher als legendärer Zeitfresser in den Weiten von The Witcher 3: Wild Hunt galt, hat nun den Sprung aus dem digitalen Bildschirm direkt auf unsere Spieltische geschafft. Zum 10-jährigen Jubiläum der Hexer-Saga dürfen wir nun selbst die Münze werfen, unsere Armeen formieren und das „Legendäre Kartenspiel“ in den Händen halten. Packt euer strategisches Geschick ein, denn wir schauen uns an, ob Gwent auch ohne Computer-Unterstützung den Titel „König der Kartenspiele“ verdient!
Was steckt drin
In der Box finden wir ein ordentliches Paket für angehende Strategen: Insgesamt 436 Fraktionskarten decken die bekannten Reiche von den Monstern über die Scoia’tael bis hin zu Nilfgaard ab. Dazu gesellen sich 10 Spielhilfen, die uns im Eifer des Gefechts unter die Arme greifen. Für die haptische Komponente sorgen 4 Edelsteinmarker, eine Münze für den Schicksalsentscheid sowie eine Stärkeleiste inklusive Markern, um den Überblick im Zahlenchaos zu behalten. Abgerundet wird das Ganze durch einen Spielplan und die nötigen Anleitungen für Standard- und Varianten-Partien.
Spielvorbereitung
Zu Beginn einer Partie wählt jeder von euch eine Fraktion. Hier ist bereits Köpfchen gefragt, denn jede Seite spielt sich durch ihre passiven Fähigkeiten grundlegend anders. Ihr stellt euer Deck zusammen, das zwingend eine Anführerkarte und mindestens 22 Einheiten- oder Heldenkarten enthalten muss. Wer mag, packt bis zu 10 Spezialkarten dazu, sollte aber bedenken: Ein zu dickes Deck verwässert die Chance auf die wirklich starken Trümpfe. Jeder erhält zudem zwei Edelsteinmarker (eure „Lebenspunkte“) und die passenden Spielhilfen.
Spielverlauf und Spielende
Der Spielplan wird in die Mitte gelegt, und jeder Spieler platziert seine Anführerkarte offen auf das entsprechende Feld. Die Decks werden gemischt und ihr zieht 10 Handkarten. Einmalig dürft ihr bis zu zwei Karten tauschen, um eure Starthand zu optimieren. Das ist ein entscheidender Schritt, denn neue Karten gibt es im weiteren Spielverlauf nur durch ganz spezielle Fähigkeiten oder Spione. Die Edelsteinmarker werden auf ihre Positionen gesetzt, und die Stärkemünze liegt bereit, um den Startspieler zu bestimmen.
Gwent wird über mehrere Runden gespielt. In jedem Zug spielt ihr eine Karte aus, nutzt eine Anführerfähigkeit oder passt. Wer passt, setzt für den Rest der Runde aus. So könnt ihr Karten sparen, müsst jedoch auch damit rechnen, dass euer Gegner solang Karten spielt, bis ihr die Runde verloren habt. Es bleibt daher stets abzuwägen, was taktisch sinnvoller ist.
Am Ende der Runde gewinnt die Seite mit der höchsten Gesamtstärke. Der Verlierer gibt einen seiner zwei Edelsteinmarker ab. Wer zuerst keinen Edelstein mehr besitzt, verliert die Partie. Es gilt also: Manchmal muss man eine Schlacht verloren haben, um den Krieg zu gewinnen.
Vergleich mit dem PC-Spiel
Der größte Unterschied zum digitalen Vorbild aus The Witcher 3 ist der Rechenanteil. Während am PC der Algorithmus die Stärkewerte blitzschnell im Hintergrund zusammenrechnet, ist hier echte Kopfarbeit gefragt. Die physische Stärkeleiste hilft zwar enorm, aber das Management der Reihen (Nahkampf, Fernkampf, Belagerung) fühlt sich „echter“ an, wenn man die Karten physisch vor sich ausbreitet.
Die Brettspielversion bietet durch die „Fortgeschrittenen Decks“ (mit Stärkelimit von 130) und echten Turnierregeln zudem eine taktische Tiefe und Balance, die das ursprüngliche Minispiel in dieser Form nicht hatte. Man merkt, dass hier massiv am Feinschliff gearbeitet wurde, um ein faires Turnierspiel für zwei Personen zu schaffen. Von dem angesehen sind die beiden Versionen – PC-Spiel und Brettspiel – nahezu identisch. Auch die Karten sehen identisch aus, wobei ich nicht jede einzelne Karte verglichen habe.
Fazit
Alles in allem hinterlässt Gwent bei mir einen sehr zwiegespaltenen Eindruck. Beginnen wir beim Offensichtlichen: dem Material. Die Kartenqualität ist absolut fantastisch. Die Illustrationen wurden eins zu eins aus dem Videospiel übernommen, was bei Fans sofort für das richtige „Witcher“-Feeling sorgt. Mit über 400 Karten in der Box ist die Abwechslung enorm und der Wiederspielwert theoretisch riesig.
Doch beim Auspacken folgte der erste Dämpfer: Der Spielplan ist lediglich ein dünnes Faltblatt. Er wirft Falten, liegt nicht plan auf dem Tisch und wirkt im Vergleich zu den hochwertigen Karten fast schon schäbig. Hier wäre eine Matte aus Stoff oder ein stabiler Spielplan aus Pappe, den man zusammenstecken kann, definitiv die bessere Wahl gewesen.
Was den Spielkern angeht, fängt das Brettspiel die Magie der Vorlage perfekt ein. Die wahre Kunst liegt im Management eurer zehn Handkarten. Da ihr (sofern keine Sondereffekte greifen) keine Karten nachzieht, ist jeder Zug ein psychologisches Duell. Man muss ständig abwägen:
Setze ich jetzt alles auf Sieg oder verleite ich den Gegner dazu, seine starken Trümpfe zu verschwenden, während ich die Runde taktisch „schenke“? Dieses taktische „Passen“ ist das Herzstück von Gwent und funktioniert am Tisch genauso hervorragend wie am Bildschirm. Mit einer Spielzeit von 15 bis 25 Minuten pro Partie ist es zudem angenehm kurzweilig.
Doch wo Licht ist, ist leider auch sehr viel Schatten – und hier muss ich eine Warnung aussprechen. Das größte Problem liegt in der mangelhaften Verzahnung von Kartentexten und Regelwerk. Es gab nicht nur Fälle, in denen die Karte dem Regelheft widersprach, viel schlimmer ist die Unsicherheit während des Spiels. Man weiß oft schlichtweg nicht, wie ein Effekt genau zu verstehen ist. Ein Beispiel: Eine Karte gibt allen anderen Einheiten in der Reihe +1 Kampfstärke. Gilt das auch für Karten, die erst später in die Reihe ausgespielt werden? Was passiert, wenn eine Karte entfernt wird – wird der Bonus sofort wieder abgezogen?
Das Regelheft schweigt sich zu solchen Detailfragen weitgehend aus und liefert kaum Erklärungen. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Es fehlen schlichtweg Marker, um solche dauerhaften Effekte auf dem Feld zu kennzeichnen. Der Gegner (und man selbst) verliert im Eifer des Gefechts ständig den Überblick, welcher Bonus gerade wo aktiv ist. Bei einem Spiel, in dem wirklich jeder einzelne Punkt spielentscheidend sein kann, sind solche Unklarheiten ein absolutes K.-o.-Kriterium. Hier fehlen mir klare Fallbeispiele und eine gründliche redaktionelle Korrektur.
Auf Anfrage beim Verlag sollen viele dieser Mängel in der zweiten Auflage behoben sein. Ich kann dies jedoch aktuell nicht überprüfen, da mir nur die erste Auflage vorliegt. Ich weiß jedoch, dass die Community zu diesem Spiel relativ groß ist und sich viele Fragen auch in Foren sicherlich beantworten lassen. Eine gewisse Unsicherheit bleibt jedoch.
Für wen eignet sich Gwent?
Das Spiel ist in erster Linie ein exzellentes Zwei-Personen-Spiel, auch wenn Varianten für Mehrspieler und Turniere beiliegen. Aufgrund der massiven Regelschwierigkeiten konnte ich diese Modi allerdings noch nicht sinnvoll testen – erst einmal muss das Grundgerüst ohne Fragen stehen.
Wer ein knallhartes, taktisches Duellspiel sucht und über die redaktionellen Patzer hinwegsehen (oder sie mit Hausregeln klären) kann, bekommt hier spielerisch ein echtes Juwel. Wer jedoch Wert auf ein fehlerfreies Regelwerk und guten Support legt, sollte aktuell vorsichtig sein. Aufgrund der gravierenden Mängel bei der Anleitung kann ich zum jetzigen Zeitpunkt leider keine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen – so leid es mir für dieses eigentlich großartige Spiel tut.
Name: Gwent – Das legendäre Kartenspiel
Erscheinungsjahr: 2025
Spieler: 1 – 5, in erster Linie jedoch exakt 2
Alter: 14 ab Jahren
Dauer: 20 min
Autor(en): CD Projekt
Verlag: Asmodee




