Vor uns schlängelt sich ein breiter, smaragdgrüner Strom durch eine Landschaft, die direkt einem alten japanischen Tuschegemälde entsprungen sein könnte: vorbei an geheimnisvollen Wäldern, prachtvollen Palästen und geschäftigen Uferpromenaden. Wir befinden uns im legendären Reich Rokugan. Kosmos bringt mit Am Goldenen Fluss ein taktisches Familienspiel auf den Tisch, das uns in die prächtigen Gewänder reicher Kaufleute steckt. Egal ob wir für den Klan der Krabbe, der Mantis, des Kranichs oder des Skorpions die Segel hissen – unser Ziel ist dasselbe: Wir wollen am Ufer dieses sagenumwobenen Flusses das mächtigste Handelsimperium unserer Zeit errichten. Doch die Strömung ist tückisch, die Konkurrenz schläft nicht, und am Ende wird nur derjenige den kaiserlichen Hof beeindrucken, der seine Würfel und Schiffe mit kühlem Kopf navigiert.

Was steckt drin

Kosmos hat die Schachtel ordentlich vollgepackt, das Material aber zum Glück übersichtlich strukturiert. Neben dem großen, zentralen Spielplan teilt sich der Inhalt im Wesentlichen in drei Bereiche:

Da ist zum einen das umfangreiche Klan-Material für die Spielenden. Jeder erhält eine eigene Klantafel, eine Übersichtskarte, einen Würfel, eine Klanfigur sowie 22 Klanmarker. Dazu gesellt sich eine kleine Flotte aus zwei normalen Schiffen und einem kaiserlichen Schiff sowie je ein Sonnenstein und eine Mondsichel für die Gunstleiste.
Den zweiten großen Block bilden die Karten und Marker für den Spielablauf. Hierzu gehören 30 Kundenkarten, sechs große Meisterschaftskarten, sechs wechselbare Wertungsplättchen für die Regionen und 95 Koku-Münzen in den Werten 1 und 5.
Den Dritten im Bunde macht das Wirtschafts- und Baumaterial. Neben einer separaten Bauwerktafel greifen wir auf 49 Bauwerkplättchen (darunter Startbauwerke und Kaisermärkte) und 75 Handelswaren zurück, die sich gleichmäßig auf Seide, Reis und Porzellan verteilen.

Besonders ins Auge fallen der wunderschön gestaltete und mit goldenen Elementen verzierte Spielplan. Auch die individuell gestalteten Klanschiffe tragen sehr zur Atmosphäre bei. Und auch wenn es nur ein kleines Detail ist: Auch die Spielverpackung ist leicht golden, was so auch einen Hingucker im Spieleregal erzeugt. Als spielerischen Zusatz spendiert uns der Verlag außerdem direkt die Mini-Erweiterung „Klanlegenden“, die mit acht zusätzlichen Karten asymmetrische Fähigkeiten ins Spiel bringt.

Spielvorbereitungen

Der Einstieg gelingt erfreulich strukturiert: Der Spielplan wird in die Mitte gelegt und jede Region mit einem zufälligen Wertungsplättchen bestückt. Drei Meisterschaftskarten kommen als offene Ziele an den Spielfeldrand, während Kundenkarten, Münzen und Waren den allgemeinen Vorrat bilden. Die Bauplätze für Kaisermärkte sowie – je nach Spieleranzahl – einige Startbauwerke werden direkt auf dem Plan platziert, und die restlichen Gebäude werden als verdeckte Nachziehstapel auf der Bauwerktafel bereitgehalten, wobei die ersten vier Plättchen die offene Auslage bilden.

Jeder Spieler wählt eine Klantafel mitsamt Material, setzt seine Einflussmarker auf die Startfelder der sechs Regionen und platziert seine zwei Schiffe auf den markierten Startpunkten im oberen und mittleren Flussabschnitt. Nach einem ersten Würfelwurf, um die Schiffe ein Stück flussabwärts zu bewegen, nimmt sich jeder noch sein Startkapital aus Waren und Münzen sowie zwei Kundenkarten auf die Hand. Ein finaler Wurf bestimmt schließlich die Ausgangslage für den allerersten Zug.

Spielverlauf

Wer am Zug ist, muss stets vier Phasen nacheinander durchlaufen. In der Gunstphase darf man angesparte göttliche Gunst ausgeben, um das aktuelle Würfelergebnis nach oben oder unten zu korrigieren.

Danach folgt das Herzstück des Zuges, die Aktionsphase, in der man genau eine von drei Aktionen wählen darf:

  1. Bauen: Man wählt einen freien Bauplatz in der Region, die der eigene Würfel anzeigt, zahlt die Koku-Kosten, nimmt ein Gebäude aus der Auslage und platziert einen eigenen Marker darauf. Das bringt sofort wertvollen Einfluss auf dem Einflusspfad dieser Region, wodurch man unterwegs tolle Bonus-Ressourcen oder Siegpunkte einsammeln kann.

  2. Segeln: Man bewegt eines seiner Schiffe exakt so viele Flussabschnitte weiter, wie der Würfel anzeigt. Am Zielabschnitt angekommen, erhalten alle Spieler Belohnungen: Wer den Abschnitt besucht, profitiert von den angrenzenden Bauplätzen (Häfen bringen Koku, Schreine Siegpunkte, Anwesen Einfluss und Märkte Waren). Wer dort bereits Gebäude besitzt, streicht zusätzlich die wertvollen Besitz-Belohnungen ein. Zieht ein Schiff über das Flussende hinaus, beendet es seine Reise, bringt einen dicken Bonus und startet wieder ganz oben auf dem Fluss.

  3. Ausliefern: Passt die Region des Würfels zu einer Kundenkarte auf der Hand, kann man die geforderten Waren (wie Seide oder Porzellan) abgeben. Der Kunde wird dauerhaft an der eigenen Klantafel ausgelegt und bringt mächtige, dauerhafte Effekte (wie günstigere Baupreise durch Handwerkerinnen oder Spezialfähigkeiten durch Mönche und Adlige) sowie Punkte für die Endwertung.

In der anschließenden Meisterschaftsphase prüft man, ob man globale Meilensteine (wie „Einfluss in allen Regionen“) erreicht hat, um sich die begehrten, absteigenden Bonuspunkte zu sichern. Schließlich folgt die Würfelphase: Man rollt den Würfel für den nächsten Zug, um die kommende Runde bereits im Voraus planen zu können.

Ein besonderer Wendepunkt ist der Besuch des Kaisers: Wird das letzte Bauwerk der 1. Ära aufgedeckt, reist der Kaiser den Fluss hinab und aktiviert sofort alle Besitz-Belohnungen der Spieler an den Ufern, bevor die lukrativere 2. Ära anbricht.

Spielende

Sobald das letzte Bauwerk der 2. Ära in die Auslage rutscht, läutet dies das Finale ein. Wer diese Karte aufdeckt, bekommt sofort einen Bonus von 5 Siegpunkten, und alle anderen Spieler dürfen noch genau einen finalen Zug ausführen.

Danach kommt es zur großen Schlusswertung: Jetzt zahlt sich das diplomatische und wirtschaftliche Geschick aus. Auf den Einflusspfaden der sechs Regionen werden die ausliegenden Wertungsplättchen ausgewertet – wer hier die Nase vorn hat, scheffelt massig Punkte (wobei der clevere Einsatz von Ältesten-Kunden die Punkte sogar verdoppeln kann!). Hinzu kommen Punkte für die schiere Anzahl zufriedener Kunden auf der Hand sowie die individuellen Wertungen von Händlern, Adligen und Handwerkerinnen. Wer am Ende das meiste Ansehen auf der Leiste verbuchen kann, lässt seinen Klan im Glanz des Goldenen Flusses erstrahlen und gewinnt das Spiel!

Fazit

Am Goldenen Fluss ist ein rundum belohnendes Spiel, das vor allem durch seine hohe Dynamik und ein erfrischendes Spielgefühl überzeugt. Was sofort auffällt: Strafen oder gar den Verlust von hart erarbeiteten Siegpunkten sucht man hier vergebens. Jede Aktion bringt uns vorwärts, was dem Spiel einen echten Wohlfühlcharakter verleiht und damit Spieler anspricht, die ungern bestraft werden oder bereits sicher geglaubte Punkte wieder abgeben müssen. Das nimmt dem Spiel jeglichen frustrierenden Unterton und sorgt stattdessen für eine durchgehend positive Motivationskurve.

Ein dicker Pluspunkt ist die gelungene Verzahnung der einzelnen Spielzüge. Weil die Konkurrenz am Ufer oft automatisch mitverdient, wenn wir den Fluss hinabsegeln, bleibt die Downtime erfreulich kurz. Wie sich eine Partie entwickelt, hängt stark von der Eigendynamik am Tisch ab und lässt viel Raum für unterschiedliche Herangehensweisen. Während die eine Taktik darauf abzielen kann, im Eiltempo den Fluss hinzufahren, um schnell Geld anzuhäufen und das Spielende zu forcieren, wählen andere vielleicht die gemütliche Variante und nehmen jeden lukrativen Hafen am Wegesrand mit.


Ein cleveres Dilemma offenbart sich bei den Mehrheiten in den sechs Regionen. Man merkt schnell, dass man unmöglich überall die Nase vorn haben kann. Da die Spitzenplätze bei der Endwertung aber massig Punkte einbringen, möchte man den Mitspielern die Dominanz in einer Region natürlich auch nicht einfach schenken.

Ein wichtiges taktisches Element ist der Aufbau der eigenen Kundenauslage, mit der wir uns im Laufe der Zeit mächtige, dauerhafte Boni freischalten. Besonders der doppelte Multiplikator bei den regionalen Wertungen kann im Finale den Unterschied ausmachen. Dass das Ziehen der Kunden und die Würfelwürfe einen spürbaren Glücksfaktor mit sich bringen, lässt sich nicht leugnen – durch das System der göttlichen Gunst, mit dem wir die Ergebnisse nachjustieren können, wird dieser Zufall aber geschickt auf ein absolut erträgliches Maß abgefedert. Strategische Weitsicht wird hier keineswegs ausgehebelt, und die zahllosen Wege zu Wohlstand und Ruhm schrauben den Wiederspielwert ordentlich nach oben.

In puncto Optik zieht der Titel alle Register. Das asiatisch angehauchte Artwork ist wunderschön stimmig, und die feine Goldprägung auf dem Spielplan sorgt für ein echtes optisches Highlight auf dem Tisch. Das Inlay der Box weckt mit seinem glänzenden Look fast Assoziationen an eine edle Pralinenschachtel – das ist hübsch anzusehen, lässt für das ganze Material allerdings etwas wenig Spielraum, weshalb ich diesen Punkt neutral verbuche. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt für mich jedoch das Material der Spielertableaus. Warum man hier auf dünnes Papier statt auf solide, dicke Pappe gesetzt hat, erschließt sich mir nicht ganz. Die Qualität des Papiers ist zwar grundsätzlich gut und entspricht den Karten, dem haptischen Gefühl eines wertigen Brettspieltableaus wird es aber leider nicht gerecht.

Unter dem Strich sind die Grundregeln erfreulich schnell gelernt und sehr zugänglich gehalten. Die Balance passt dabei gut: Egal ob zu zweit oder in maximaler Besetzung, das Spiel funktioniert in jeder Konstellation flüssig und ausgewogen. Aufgrund der Altersangabe ab 12 Jahren eignet sich das Handelsabenteuer perfekt für spielerprobte Familien und regelmäßige Spieler, die ein zugängliches, aber dennoch taktisch tiefes und edel präsentiertes Spiel für den nächsten Spieleabend suchen.

Am Goldenen Fluss ist ein rundum gelungenes Kennerspiel, das bis zum letzten Zug motiviert und auch optisch ein echtes Highlight ist. Es verzichtet bewusst auf übertriebene Komplexität und punktet stattdessen mit einer wunderbaren Leichtigkeit, die perfekt für alle ist, die ein taktisch tiefes, aber unkompliziert fließendes Handelsabenteuer suchen.

Name: Am goldenen Fluss               
Spieler: 2 – 4
Alter: ab 12 Jahren
Dauer: 60 – 90 min
Autor(en): Keith Piggott
Verlag: Kosmos

Am goldenen Fluss
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