
Vantage ist ein kooperatives Abenteuerspiel in einer offenen Welt für ein bis sechs Personen. Nach dem Absturz auf einem unbekannten Planeten startet jeder Spieler mit einem eigenen Charakter an einem anderen Ort und nimmt die Spielwelt ausschließlich aus seiner individuellen Perspektive wahr. Gemeinsam versuchen die Spieler, eine von mehreren möglichen Missionen zu erfüllen, während sie den Planeten erkunden und miteinander Informationen austauschen.
Inhalt
Material
Der Materialumfang von Vantage ist enorm. Enthalten sind über 1000 Karten in zwei Größen, darunter Ortskarten, Charakterkarten, Missionskarten, Schicksale und zahlreiche weitere Entdeckungen. Herzstück der Spielwelt sind die 400 doppelseitigen, miteinander vernetzten Ortskarten, die den Planeten abbilden.
Hinzu kommen acht Aktionsbücher, die verschiedene Arten von Handlungen abdecken, etwa Bewegen, Einwirken oder Bezwängen. Ergänzt werden sie durch ein Buch der Perspektiven sowie einen separaten Spoilerstapel, der nur auf ausdrückliche Aufforderung genutzt wird.

Dazu kommen Marker für Zeit, Moral und Gesundheit, Erfolgsmarker, Talentmarker, Münzen sowie Risiko- und Talentwürfel.
Das Material ist funktional gestaltet und klar gegliedert. Trotz der großen Menge bleibt der Spielbereich übersichtlich, da jeder Spieler hauptsächlich mit seinem eigenen Charakterbereich arbeitet und nur ausgewählte Elemente in der Mitte geteilt werden.
Spielablauf
Die Spieler führen ihre Züge nacheinander im Uhrzeigersinn aus. Jeder Spieler steuert genau einen Charakter, unabhängig von der Gruppengröße. In seinem Zug führt ein Charakter grundsätzlich genau eine Aktion aus, wobei es im Spielverlauf Ausnahmen geben kann, die zusätzliche Aktionen erlauben.
Zu Beginn eines Zugs entscheidet sich der aktive Spieler für eine von drei Aktionsarten. Entweder wird eine Ortsaktion am aktuellen Standort ausgeführt, eine Aktion von einer eigenen Karte genutzt oder der Charakter bricht zu einem neuen Ort auf. Wichtig dabei ist, dass man sich zunächst nur für die Art der Aktion entscheidet. Kosten und genaue Auswirkungen sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.
Erst im nächsten Schritt werden die Kosten und der Aktionstext aus dem passenden Aktionsbuch vorgelesen. Aktionen können in Vantage nicht scheitern, sie sind jedoch immer mit Risiken verbunden. Die angegebenen Kosten legen fest, wie viele Risikowürfel geworfen werden müssen. Diese Würfel zeigen mögliche negative Folgen wie Zeitverlust, sinkende Moral oder Gesundheit.

Nach dem Würfelwurf versucht der Spieler, die Ergebnisse möglichst günstig unterzubringen. Risikowürfel können auf passende Felder der eigenen Karten gelegt werden, um Verluste zu vermeiden oder sogar positive Effekte auszulösen. Auch manche Einflussfelder anderer Spieler dürfen genutzt werden, sofern diese zustimmen. Gelingt es nicht, alle Würfel sinnvoll abzulegen, treten die entsprechenden Nachteile ein. Der eigentliche Entscheidungsraum des Spiels entsteht genau an dieser Stelle, beim Abwägen von Risiko, verfügbaren Feldern und möglichen Konsequenzen.
Im Anschluss wird das Aktionsresultat vorgelesen. Dieses kann unmittelbare Effekte haben, neue Karten ins Spiel bringen, Ortswechsel auslösen oder weitere Entscheidungen verlangen. Manche Aktionen erlauben oder erzwingen anschließend eine weitere Aktion, andere beenden den Zug ganz normal.
Im Verlauf des Spiels erhalten die Charaktere zahlreiche Karten, die in ein persönliches 3×3-Kartenraster gelegt werden. Diese Karten erweitern die eigenen Fähigkeiten, bieten zusätzliche Ablagefelder für Risikowürfel und ermöglichen aktive Effekte. Alternativ können Karten in einer begrenzten Reserve gehalten werden, um später flexibler reagieren zu können. Das eigene Kartenraster entwickelt sich so schrittweise zu einem individuellen Charakterprofil.
Ein zentrales Element von Vantage ist die eingeschränkte Informationslage. Jeder Spieler darf ausschließlich seine eigene Ortskarte ansehen. Der Kartentext und die Illustration dürfen beschrieben und vorgelesen werden, das tatsächliche Bild bleibt jedoch verborgen. Auf diese Weise entsteht im Laufe der Partie ein gemeinsames Verständnis der Spielwelt, ohne dass diese vollständig offenliegt.
Die Spieler arbeiten kooperativ an einer gemeinsamen Mission, können sich gegenseitig mit Talenten unterstützen und an bestimmten Orten auch gemeinsam agieren. Zusätzlich können im Spielverlauf Schicksale entdeckt werden, die alternative oder ergänzende Ziele darstellen und den Fokus der Partie verändern.
Das Spiel endet, wenn eine Mission oder ein Schicksal erfüllt wird oder wenn Zeit, Moral oder Gesundheit eines Charakters auf null sinken. Die Spieldauer kann dabei stark variieren und hängt sowohl von den getroffenen Entscheidungen als auch vom Verlauf der Erkundung ab.
Fazit
Vantage ist ein außergewöhnlich offenes Abenteuerspiel, das seine Spieler bewusst allein lässt. Es gibt keine klaren Pfade, kaum Anleitung und nur wenige feste Leitplanken. Stattdessen lebt das Spiel davon, dass man ausprobiert, sich verirrt, Zusammenhänge erkennt und langsam versteht, wie diese Welt funktioniert. Das muss man mögen.
Das Spielgefühl ist stark vom Entdecken geprägt. Neue Kartenarten zu finden, unbekannte Mechanismen kennenzulernen und zu verstehen, wie sie ins bestehende System greifen, ist ausgesprochen befriedigend. Gerade dieser Moment, wenn sich eine neue Karte erstmals sinnvoll ins eigene Raster einfügt, gehört zu den stärkeren Erlebnissen des Spiels. Wissen ist dabei die wichtigste Ressource und bleibt auch über einzelne Partien hinweg der größte Fortschritt.

Der Einstieg ist allerdings alles andere als leicht. Zu Beginn fühlt man sich oft planlos, auch weil noch nicht klar ist, wie man Risiken sinnvoll steuert. Erst mit den ersten Karten im eigenen Raster lernt man, wie man mit den Risikowürfeln umgehen kann. Wichtig ist dabei, dass bereits die eigene Charakterkarte Aktionen und Ablagefelder bietet, die aktiv genutzt werden wollen. Dieses Lernen ist Teil des Spiels, kann aber gerade in den ersten Partien überfordern.
Die Spielerzahl würde ich realistisch auf ein bis maximal zwei Personen begrenzen. Mit mehr Spielern steigt die Downtime deutlich, da zwischen den eigenen Zügen viel Zeit vergeht. Hinzu kommt, dass Begegnungen zwischen den Charakteren auf dem Planeten ohne Vorerfahrung eher selten sind. Das ist thematisch stimmig, spielerisch aber auch wenig relevant, da ein direktes Zusammentreffen kaum Vorteile bringt und für den Fortschritt nicht zwingend notwendig ist.
Die Spielzeit ist stark variabel. Zwar lassen sich Missionen und Ziele manchmal schneller beenden, dennoch sollte man mindestens zwei Stunden einplanen. Gerade wenn man die Welt noch nicht kennt und ein sehr allgemeines Ziel verfolgt, kann es schwierig sein, dieses in einer vernünftigen Zeit zu erreichen. Ablenkungen sind dabei eher die Regel als die Ausnahme. In dieser Hinsicht erinnert Vantage stark an The Legend of Zelda: Breath of the Wild. An jeder Ecke warten neue Entdeckungen, die spannend genug sind, um das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren.
Der Vergleich zu The 7th Continent und The 7th Citadel liegt nahe. Beide Spiele geben jedoch deutlich klarere Ziele und Strukturen vor. Vantage geht noch weiter in Richtung Sandbox und verzichtet bewusst auf diese Führung. Das macht das Spiel freier, aber auch anspruchsvoller und weniger zugänglich.
Thematisch etwas schwach bleibt der Umgang mit Zeit, Moral und Gesundheit. Diese Werte fühlen sich im Spielverlauf weitgehend austauschbar an, da es spielerisch kaum einen Unterschied macht, welcher Marker sinkt. Die Auswirkungen bleiben abstrakt und verlieren dadurch an erzählerischer Schärfe.
Erwähnt werden sollte auch das im Spiel enthaltene Minigame. Es fügt sich in das System ein und sorgt für zusätzliche Abwechslung, bleibt für das Gesamtgefühl jedoch eher optional.

Sehr sinnvoll ist aus unserer Sicht die Nutzung von RulePop auf einem Tablet. Die Möglichkeit, Kartennummern und Aktionen direkt nachzuschlagen, beschleunigt den Spielfluss deutlich und erspart viel Blättern. Auch die integrierte Errata ist ein klarer Vorteil, selbst wenn der Autor ursprünglich ein rein analoges Spielerlebnis vorgesehen hat.
Unterm Strich ist Vantage ein Spiel für Entdecker, nicht für Zielorientierte. Wer klare Aufgaben, feste Strukturen und planbare Fortschritte sucht, wird hier eher frustriert sein. Wer hingegen Freude am Erkunden, Lernen und Verlaufen hat und bereit ist, Zeit zu investieren, findet ein einzigartiges Abenteuer mit starkem Entdeckergefühl und viel Raum für eigene Erfahrungen.
Name: Vantage
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: Stonemaier Games
Autor: Jamey Stegmaier
Illustration: Valentina Filic, Sören Meding, Emilien Rotival
Spielzeit: 120-180 Minuten
Spieler: 1-6
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
