Stell dir vor, die Sonne brennt unerbittlich auf deinen Nacken, während du durch den staubigen Hauptweg von Darkrock reitest. Dein Blick wandert zwischen der Bank, die prall gefüllt mit Gold ist, und dem Büro des Sheriffs, der stets ein Auge auf dich hat.
In Western Legends schreibst du deine eigene Geschichte und prägst sie, wie es dir gefällt. Wirst du als ehrenhafter Marschall in die Geschichte eingehen oder als meistgesuchter Bandit, dessen Name nur ehrfürchtig geflüstert wird? Du allein entscheidest, wohin dich dein Weg führt.
Was steckt drin
Neben dem großen Spielplan und sechs doppelseitigen Spielertableaus besticht das Material vor allem durch die detailreichen Miniaturen für Charaktere, den Sheriff und die Banditen. Auffallend ist auch der dreidimensionale Aufsteller für den „Gemischtwarenladen“, in dem ihr eure Ausrüstung kauft. Hinzu kommen diverse Karten, z.B. Poker- und Storykarten, echte Goldnuggets (natürlich aus Kunststoff) und Geldscheine, die das Western-Feeling perfekt abrunden.
Spielvorbereitung und Spielverlauf
Die Regeln von Western Legends sind etwas komplexer – nicht unbedingt aufgrund ihrer Schwierigkeit, sondern wegen ihrer enormen Vielfältigkeit. Ich werde daher nicht im Detail auf jede einzelne Regel eingehen, sondern mehr auf die Möglichkeiten, die euch das Spiel bietet.
Der Spielaufbau wird gemäß der Anleitung durchgeführt, was schon einige Minuten in Anspruch nimmt, da die Welt erst mit all ihren Markern zum Leben erweckt werden muss. Wenn dies erledigt ist, wählt jeder von euch einen Charakter aus. Dieser orientiert sich an echte Persönlichkeiten und gewährt euch einen Startbonus: Man erhält bestimmte Gegenstände, eine besondere Eigenschaft und die Information, ob man als „guter oder böser Junge“ startet. Das heißt aber nicht, dass dies in Stein gemeißelt ist. Auch wenn man als Bandit beginnt, kann man später eine Karriere als Marshal einlegen – es bedarf nur eines kleinen Umwegs über das Gesetz.
Seid ihr am Zug, erhaltet ihr zuallererst Geld und/oder Pokerkarten. Diese Karten sind das zentrale Element in Western Legends, da sie für Kämpfe, Aktionen, Reaktionen, Boni oder einfach nur zum klassischen Pokerspielen im Saloon genutzt werden können. Anschließend habt ihr drei Aktionen zur Verfügung. Ihr könnt euch bewegen (mit einem Reittier sind natürlich größere Distanzen möglich), eine Aktion auf einer Karte nutzen, eine Ortsaktion durchführen oder einen Kampf beginnen.
Die Ortsaktionen sind dabei so vielfältig wie der Westen selbst: Ihr könnt im Gemischtwarenladen shoppen, in der Goldmine euer Glück beim Schürfen versuchen, in der Bank Golduggets tauschen, euch beim Arzt heilen lassen, im Varieté eine tolle Show genießen, eine Bank überfallen, auf der Ranch Vieh zusammentreiben oder das Vieh am Bahnhof abliefern. Die Möglichkeiten scheinen endlos zu sein.
Wenn es zum Kampf gegen Mitspieler kommt, könnt ihr meist entscheiden, was ihr genau tun wollt: Ihr könnt andere Spieler duellieren, sie ausrauben oder – falls ihr Gesetzeshüter seid – verhaften. Ein Kampf läuft grob so ab, dass beide Beteiligten gleichzeitig eine Pokerkarte aus der Hand wählen und verdeckt ausspielen. Dann wird aufgedeckt: Wer den höheren Kartenwert hat, gewinnt den Vergleich! Aber Vorsicht: Viele Karten haben Bonus-Effekte, die das Blatt im letzten Moment wenden können. Der Gewinner erhält Ruhm (Legendenpunkte = Siegpunkte) oder Beute, während der Verlierer oft Karten nachziehen darf, um für die nächste Revanche bereit zu sein. Auch kann man gegen Banditen (NPCs) spielen oder – wenn man gesucht und gejagt wird – gegen den Sheriff antreten.
Das Herzstück eurer Entwicklung ist dabei das System aus Marshal- und Kopfgeldleiste. Wer rechtschaffen handelt, etwa Banditen stellt oder Vieh liefert, steigt auf der Marshal-Leiste auf und sammelt so stetig Punkte. Wer jedoch den Pfad des Verbrechens wählt und Mitspieler oder die Bank überfällt, landet auf der Kopfgeldleiste („Wanted“). Das bringt zwar schnelles Geld, sorgt aber auch dafür, dass der Sheriff und die Marshals am Tisch Jagd auf euch machen.
Spielende
Das Spielende wird eingeläutet, sobald ein Spieler eine bestimmte Anzahl an Legendenpunkten (LP) erreicht hat. Je nachdem, wie viel Zeit ihr mitgebracht habt, legt ihr vorab fest, ob ihr eine kurze, mittlere oder lange Partie spielen wollt.
Sobald der Zielwert auf der LP-Leiste erreicht oder überschritten wurde, wird die aktuelle Runde noch zu Ende gespielt. Danach bekommt jeder Spieler (einschließlich desjenigen, der das Ende ausgelöst hat) noch einen allerletzten Zug, um das Beste aus seinem Ruf herauszuholen. In der anschließenden Endwertung fließen dann noch zusätzliche Punkte für verbleibendes Gold, verbesserte Gegenstände oder eure finale Position auf der Marshal- oder Wanted-Leiste mit ein. Wer am Ende die meisten Punkte gesammelt hat, geht als die größte Legende des Wilden Westens in die Geschichte ein!
Fazit
Western Legends ist eine echte Wucht – und das meine ich keineswegs negativ. Klar, der Spielaufbau braucht seine Zeit (rechnet mal mit 10 Minuten) und auch die Regeln erklärt man nicht mal eben in fünf Minuten. Aber die Vielfalt und diese riesige „Open World“, die man hier vorgesetzt bekommt, sind wirklich beeindruckend. Wichtig zu wissen: Mein Fazit bezieht sich dabei auf die 2. Edition des Spiels.
Schon beim Spielmaterial merkt man, dass hier viel Liebe drinsteckt. Die Qualität ist hochwertig und sorgt sofort für die richtige Atmosphäre. Die absoluten Hingucker sind natürlich die vielen Miniaturen, die zwar nicht bemalt, aber toll detailliert sind. Passend dazu gibt es „echte“ Goldnuggets, schick illustrierte Karten und einen riesigen, übersichtlichen Spielplan. Besonders charmant fanden wir den Gemischtwarenladen, der als haptische Auslage direkt auf dem Tisch präsent war. Einziger Kritikpunkt sind die Spielertableaus: Diese bestehen leider aus recht dünner Pappe und haben sich bei uns ständig gewellt – warum man hier am Material gespart hat, ist uns ein Rätsel.
In Western Legends schreibt ihr eure eigene Story. Es gibt keinen vorgegebenen Pfad; ihr entscheidet jede Runde neu, worauf ihr gerade Lust habt. Der Start wird natürlich stark durch euren Charakter beeinflusst, den ihr zu Beginn aus zwei Möglichkeiten wählt. Das bringt ein gewisses Glückselement hinein – wer Pech hat, zieht zwei Banditen mit Kopfgeld. Das liegt nicht jedem, da viele Spieler sich innerlich einfach wohler in der Rolle des „Guten“ fühlen. Hier sehe ich aber auch eine kleine Gefahr für das Spiel: Wenn niemand den Bösewicht spielen will, verliert Western Legends massiv an Spannung. Ohne Gegenspieler wird das Ganze schnell zu einem bloßen Abarbeiten von Ortsaktionen.
Richtig Feuer kommt erst durch die Kämpfe ins Spiel. Wenn man den Gesetzlosen hinterherjagt oder selbst versucht, den großen Banktresor zu knacken, zeigt das Spiel seine Stärken. Das Kampfsystem ist dabei angenehm direkt: Man spielt verdeckt Pokerkarten aus, die höchste Karte gewinnt – oft geben aber die clever genutzten Bonuseffekte der Karten den Ausschlag. Es ist also Gold wert, wenn man eine Gruppe hat, die sowohl „Gut“ als auch „Böse“ spielen will.
Die verschiedenen Wege zum Ruhm sind dabei unterschiedlich lukrativ. Pokern kann sich richtig lohnen, wenn das Glück mitspielt, und Viehtrieb bietet tolle Boni, ist aber mühsam. Das Gold schürfen empfanden wir als zu mächtig! Deshalb haben wir hier mit einer Hausregel nachgeholfen: Wer im selben Zug ein zweites Mal schürft, darf nur noch einen statt zwei Würfel nutzen. Das hat das Balancing deutlich verbessert.
Ob man nun als Marshal oder Bandit spielt, ist Geschmackssache: Der Marshal hat es etwas leichter und bekommt im Spielverlauf mehr Boni, während der Bandit am Ende oft mehr Siegpunkte abräumt, dafür aber ständig gejagt wird. Die Storykarten sind ein nettes Beiwerk für zusätzliche Punkte, aber sie waren für uns nicht spielentscheidend. Ein kleines Problem: Im Eifer des Gefechts vergisst man bei den vielen Möglichkeiten oft, seinen Spielstein überhaupt auf die Storykarten zu legen.
Der eigentliche Motor des Spiels sind für mich die Pokerkarten. Ob Kampf, Aktion oder Reaktion – alles läuft über dieses System. Man muss ständig abwägen, ob man eine Karte für ihren Effekt ausspielt oder sie für den Wert im nächsten Duell behält. Das sorgt für tolle Abwechslung! Einzig beim Händler hätten wir uns noch mehr Auswahl gewünscht; drei Waffen und zwei Pferdearten sind auf Dauer etwas wenig Vielfalt.
Ein entscheidender Punkt ist die Spieleranzahl. Das Spiel funktioniert zwar von 2 bis 6 Personen, aber die Wartezeit (Downtime) ist bei großen Gruppen nicht ohne. Zu fünft saßen wir teilweise 15 bis 20 Minuten, bis wir wieder am Zug waren, da Kämpfe und Pokerrunden einfach Zeit fressen. Meine Empfehlung liegt daher ganz klar bei drei bis vier Spielern. Plant auch genug Zeit ein: Eine kurze Runde dauert ca. 2 Stunden, bei 25 LP und einer großen Spieleranzahl können es auch gern mal 4 Stunden werden. Das Alter von 14 Jahren ist aufgrund der Komplexität aber passend gewählt.
Für wen ist Western Legends geeignet? Für alle, die Freiheit lieben und Lust auf ein echtes Abenteuer in einer offenen Welt haben. Das Spiel lebt davon, dass man sich voll in seine Rolle hineinversetzt. Wer jedoch keine Lust auf lange Wartezeiten hat oder wenn am Tisch niemand bereit ist, den „Bösewicht“ zu spielen, dann sollte man sich vielleicht lieber nach einer Alternative umsehen.
Name: Western Legends (2. Edition)
Erscheinungsjahr: 2025 (Erstausgabe: 2018)
Spieler: 2 – 6
Alter: ab 14 Jahren
Dauer: 90 – 120 min
Autor(en): Hervé Lemaitre, Roland Mecdonald
Verlag: Corax Games







